Sommets Fantastiques

Rotwein. Im Stillen und Geheimen. Keiner durfte uns entdecken. Die Zimmertür abgeschlossen, ein leises Hintergrundgeräusch aus dem Fernseher oder dem Radio – Ablenkung, Tarnung, Alibi. Wir fühlten uns wie Teenager auf Klassenfahrt, zu alt für Unschuld, zu jung für Gleichgültigkeit.

Zwei Nächte zuvor hatte uns die diensthabende Ärztin bereits in der Gemeinschaftsküche erwischt. Wir zwei, scheinbar harmlos. Philosophierend zwischen lieblich süßem Wein und anderen Mitbewohnern auf Zeit. Die kleine Flasche minderwertigen Fusel hatten wir hastig geleert, in der Hoffnung, dass wir uns bald allein begegnen würden. Unsere Blicke wussten es längst. Pheromone wurden gesendet und empfangen, ohne dass wir es bewusst registrierten. Es war entschieden, lange bevor wir es ausgesprochen hätten.

Wir würden uns wiedersehen. Mit besserem Wein. Ohne Zuschauer. Ohne Moral.

An jenem Abend schien es festzustehen. Doch in Wahrheit begann alles früher. Tage zuvor. Vielleicht schon bei unserer ersten Begegnung. Masken konnten uns nicht täuschen. Unsere Blicke trafen sich, und etwas schloss sich. Eine verfluchte Anziehungskraft – ein Naturgesetz, das seine Opfer nicht vorwarnt. Leise schlichen sich Lust und Begierde in unsere Augen, tarnten sich als Interesse, als Zufall.

Weißt du noch beim Frühstück in der Kantine, an dem Morgen, bevor es geschah? Dein Sohn war dabei. Ihr habt Witze gemacht, und ich habe so gelacht, dass mir die Luft wegblieb. Wann hatte ich mich zuletzt so ausgelassen gefühlt? Die Masken waren abgenommen, der Sicherheitsabstand eingehalten. Dein Sohn, hellwach, fröhlich, sagte plötzlich: „Ihr seid verliebt.“ Wir wussten es besser. Wir wollten uns. Und zwar jetzt, bevor uns die Umstände wieder auseinanderrissen. Hatten uns unsere Blicke verraten? Spürte ein Kind, was wir selbst kaum einzugestehen wagten?

Ich steckte ihm meine Visitenkarte an seine Zimmernummer. Seine spartanische Behausung lag genau gegenüber meiner. 1403. 1413. Noch mehr Symbolik brauchten wir nicht. Seit ich wusste, dass unsere Türen sich gegenüberlagen, wurden meine Gedanken unruhig, mein Körper unverschämt ehrlich.

Er schrieb mir. Mein Plan ging auf. Er fragte, was die Ärztin eigentlich gewollt habe, die uns verpfiffen hatte. Merkwürdigerweise waren nur die Frauen ins Visier geraten. Kein Alkohol erlaubt. Ich bekreuzigte mich gedanklich – der Piccolo Rotwein war wirklich ein Verbrechen. Er schrieb, er habe noch zwei Flaschen guten Primitivo auf seinem Zimmer.

Wir verabredeten uns für 20 Uhr.

Ich lag in der Badewanne und trank meinen letzten Piccolo Sekt, den ich selbst in die Elternunterkunft der Kinderklinik geschmuggelt hatte. Ich war aufgeregt. Nicht wegen der Möglichkeit – sondern wegen der Gewissheit, was geschehen würde, wenn wir uns gegenüberstünden. Ahnung war harmlos. Wissen war gefährlich.

Natürlich verspätete ich mich. Die Uhrzeit hielt ich nicht ein. Zu viele Gedanken. Der Zwiespalt zwischen dem, was ich spürte, und dem, was erlaubt war, öffnete einen Abgrund. Er trug einen Ehering. Ich hatte Prinzipien. Sie würden mich nicht in den Himmel bringen, aber vielleicht vor dem ewigen Feuer bewahren. „Vielleicht steht er gar nicht auf dich“, flüsterte ich mir zu. Mein Instinkt lachte laut.

Ich rasierte mich an allen Stellen, die in einer Liebesnacht Bedeutung hätten. Cremte jede Fläche, die Duft verströmen könnte, sollte sich jemand diesem fremden Land zur Erkundung nähern. Meine winterbleiche Haut roch nach Hermès – Orange, Minze, Patchouli. Eine Einladung. Eine Warnung. Der Geruch der Versuchung.

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